Ob Fitting, Flansch oder Sonderdrehteil — die richtige Werkstoffgüte entscheidet über Korrosionsbeständigkeit, Schweißbarkeit und Lebensdauer eines Bauteils. Wer die Systematik hinter den Bezeichnungen kennt, wählt sicherer aus und vermeidet teure Fehlgriffe. Dieser Überblick ordnet die gängigen Güten ein und zeigt, worauf es bei der Auswahl ankommt.
Werkstoffnummer, Kurzname und AISI — dieselbe Sache, drei Schreibweisen
In Europa wird Edelstahl über die Werkstoffnummer nach EN 10088 bezeichnet, etwa 1.4301. Daneben steht der beschreibende Kurzname (für 1.4301: X5CrNi18-10), der die ungefähre Zusammensetzung angibt — hier rund 18 % Chrom und 10 % Nickel. Im angloamerikanischen Raum ist zusätzlich die AISI-Bezeichnung üblich: 1.4301 entspricht weitgehend AISI 304, 1.4401 dem AISI 316. Gemeint ist jeweils derselbe Grundwerkstoff.
Bei Verbindungselementen wie Schrauben und Muttern kommt die Kennzeichnung nach ISO 3506 dazu: A2 steht für die Güteklasse rund um 1.4301, A4 für die molybdänlegierte Klasse rund um 1.4401. A2 und A4 sind damit keine eigenen Werkstoffe, sondern Festigkeits- und Korrosionsklassen für Normteile.
Die wichtigsten Güten im Überblick
- 1.4301 (V2A, AISI 304): der Standard-Austenit für den allgemeinen Innen- und Außeneinsatz — rostfrei, gut umformbar, hygienisch.
- 1.4307 (304L): kohlenstoffarme Variante von 1.4301, besser schweißbar, weil weniger Chromkarbide ausscheiden.
- 1.4401 (V4A, AISI 316): mit rund 2 % Molybdän deutlich beständiger gegen Chloride und Säuren — für Meeresluft, Schwimmbäder und chemisch belastete Umgebungen.
- 1.4404 (316L): kohlenstoffarme Variante von 1.4401 für anspruchsvolle Schweißkonstruktionen.
- 1.4571 (316Ti): titanstabilisierte V4A-Güte, robust auch bei höheren Temperaturen.
- 1.4462 (Duplex): austenitisch-ferritisches Gefüge mit deutlich höherer Festigkeit und besserer Beständigkeit gegen Spannungsrisskorrosion.
Was bedeuten „L" und „Ti"?
Beim Schweißen kann sich im Bereich um 450–850 °C Chromkarbid an den Korngrenzen bilden. Dadurch verarmt die Randzone an Chrom und wird anfälliger für interkristalline Korrosion. Zwei Wege beugen vor: Ein niedriger Kohlenstoffgehalt („L" wie low carbon, z. B. 1.4307/1.4404) lässt erst gar nicht genug Kohlenstoff für die Karbidbildung übrig. Alternativ bindet eine Stabilisierung mit Titan („Ti", z. B. 1.4571) den Kohlenstoff ab. Für geschweißte Bauteile sind daher L- oder Ti-Güten fast immer die sichere Wahl.
Austenitisch oder Duplex?
Die klassischen Güten (1.4301, 1.4401 …) sind austenitisch: gut umformbar, gut schweißbar, unmagnetisch. Duplex-Stähle wie 1.4462 vereinen austenitisches und ferritisches Gefüge. Sie bieten etwa die doppelte Streckgrenze und sind besonders widerstandsfähig gegen chloridinduzierte Spannungsrisskorrosion — interessant, wenn Festigkeit und Beständigkeit zugleich gefragt sind, etwa im Behälter- und Offshore-Bau.
So wählen Sie in der Praxis
- Umgebung prüfen: Innenraum und trockene Außenluft sind meist 1.4301-Terrain; bei Chloriden (Küste, Streusalz, Schwimmbad, Chemie) mindestens 1.4401/1.4571.
- Wird geschweißt? Dann L- oder Ti-Güte wählen.
- Hohe mechanische Belastung bei gleichzeitig aggressivem Medium? Duplex in Betracht ziehen.
- Normteile über die Klasse denken: A2 ≈ 1.4301, A4 ≈ 1.4401.
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