„Rostfrei" heißt korrosionsbeständig, nicht rostimmun. Auch nichtrostender Stahl kann Schaden nehmen, wenn die Bedingungen ungünstig sind oder bei der Verarbeitung Fehler passieren. Wer versteht, worauf die Beständigkeit beruht, erkennt Risiken früher und trifft die richtigen Gegenmaßnahmen.
Die Passivschicht: dünn, unsichtbar, entscheidend
Edelstahl verdankt seine Beständigkeit einer nur wenige Nanometer dünnen Chromoxidschicht an der Oberfläche — der Passivschicht. Sie entsteht spontan, sobald genügend Chrom (ab rund 10,5 %) im Stahl ist und Sauerstoff zur Verfügung steht. Wird die Oberfläche verletzt, baut sie sich unter Sauerstoffzutritt selbst wieder auf. Genau hier liegt aber auch die Schwachstelle: Fehlt Sauerstoff — etwa in engen Spalten — kann sich die Schicht nicht regenerieren.
Die häufigsten Korrosionsformen
- Lochfraß: Chloride (Streusalz, Meerwasser) durchbrechen die Passivschicht punktuell — es entstehen kleine, tiefe Löcher. Typisch bei zu niedrig gewählter Güte in chloridhaltiger Umgebung.
- Spaltkorrosion: In engen Spalten (unter Dichtungen, Ablagerungen) fehlt Sauerstoff, die Schicht heilt nicht — Korrosion beginnt verdeckt.
- Interkristalline Korrosion: Nach dem Schweißen scheidet sich Chromkarbid an den Korngrenzen ab, die Randzone verarmt an Chrom (siehe L-/Ti-Güten).
- Kontakt- bzw. Fremdrost: Späne oder Werkzeuge aus Baustahl hinterlassen Eisenpartikel, die als „Flugrost" auf der Edelstahloberfläche rosten — der Edelstahl selbst ist dabei oft gar nicht angegriffen.
- Spannungsrisskorrosion: Zugspannung plus Chloride plus Wärme können feine Risse verursachen — besonders bei rein austenitischen Güten.
Fremdrost ist kein Materialfehler
Ein häufiges Missverständnis: Zeigen sich rostige Punkte, wird der Edelstahl verdächtigt. Meist handelt es sich aber um Fremdeisen von der Verarbeitung — etwa durch dieselbe Trennscheibe oder Drahtbürste, die zuvor an Baustahl im Einsatz war. Der Rost sitzt auf der Oberfläche, nicht im Werkstoff. Deshalb gilt: Edelstahl nur mit sauberen, ausschließlich für Edelstahl verwendeten Werkzeugen bearbeiten.
So beugen Sie vor
- Passende Güte für die Umgebung wählen — bei Chloriden mindestens 1.4401/1.4571.
- Sauber verarbeiten: kein Kontakt mit Baustahl, getrennte Werkzeuge, keine Eisenspäne auf der Oberfläche.
- Schweißnähte nachbehandeln: Anlauffarben und chromverarmte Zone durch Beizen entfernen, anschließend passivieren.
- Oberflächen sauber halten: Ablagerungen und stehende chloridhaltige Nässe vermeiden.
Für die fachgerechte Nachbehandlung führen wir Beizmittel, Passivierungs- und Pflegeprodukte ab Lager. Wie Beizen und Passivieren ablaufen, lesen Sie in unserem Ratgeber „Beizen und Passivieren von Edelstahl".